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Ein Buch über den wichtigsten V-Mann der deutschen Kriminalgeschichte

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Vergesst die Thriller, Krimis und Spionageromane, die ihr auf dem SuB liegen habt. Dieses Buch schlägt sie alle. Und das Beste an der Sache ist, es ist nicht fiktiv, sondern beschreibt das Leben und die Arbeit des V-Manns VP01 Murat Cem.   Murat Cem kommt als Kind türkischer Gastarbeiter nach Deutschland. Sein Umfeld ist geprägt von Gewalt, Drogen und gescheiterter Integration. Haltlos rutscht er in die Drogenszene seines Problemviertels hinein. Als die Polizei ihn festnimmt, verrät er seinen besten Freund, der gleichzeitig sein Partner im Drogengeschäft ist und entgeht so einer längeren Gefängnisstrafe.  Ein trojanisches Pferd Im Folgenden entwickelt er eine immer engere Beziehung zur deutschen Polizei. Schon bald hilft er ihnen dabei, Kriminelle und Drogendealer zu entlarven. Es gelingt ihm sogar, einen Mordfall aufzuklären und dem Mörder ein Geständnis abzuringen. Seine Arbeit wird für die Polizei so wertvoll, dass er immer häufiger Aufträge bekommt, teilweise an mehreren Orten

Der Verlust von Louma oder der Beginn eines ungewöhnlichen Familienlebens

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Als Louma stirbt, lässt sie vier Kinder von zwei Ehemännern zurück. Toni, Fabi, Fritte und Nano sind plötzlich Halbwaisen und es stellt sich die Frage, wer sich um sie kümmern soll. Mo, Loumas zweiter Ehemann, mit dem sie in den letzten Jahren zusammengelebt hat? Oder soll Tristan, Loumas Ex-Mann, Toni und Fabi zu sich nehmen und die Halbgeschwister voneinander trennen?   “Wie konnte man den Rest dieser Familie auch noch auseinanderreißen? Wieso sollten diese Kinder nach ihrer Mutter nun auch noch zwei ihrer Geschwister verlieren?” Als Fritte den Vorschlag macht, Tristan könnte zu ihnen ziehen, verändert sich das Leben aller. Tristan und Mo unterscheiden sich nicht nur charakterlich, sondern haben auch gegensätzliche Einstellungen zum Leben. Während in Tristans Lebenskonzept, in dem die Arbeit im Mittelpunkt steht, kein Platz für Kinder zu sein scheint, hängt Mo an allen vier Kindern und fühlt sich als deren Vater.  Zwei ungleiche Väter Mos und Tristans Aufeinandertreffen und ihre

Die Lebenswelten von Frauen in der heutigen russischen Gesellschaft

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Mal Hand aufs Herz, wie viele zeitgenössische russische Autoren fallen euch spontan ein? Wenn euer Leseverhalten meinem ähnelt, dann könnt ihr sie an einer oder an zwei Händen abzählen. Mit russischer Literatur verbinden wir bis heute die Klassiker, also Dostojewksi, Tolstoi und Co. und nicht unbedingt Autoren des 21. Jahrhunderts. Dass aber auch die russische Gegenwartsliteratur Beachtung verdient, beweist Kira Jarmysch mit ihrem Debütroman DAFUQ . Dafuq, the fuck, what the fuck: Schon der Titel von Jarmyschs Roman macht durch seine Unverfrorenheit und durch das Suggerieren von Zorn, Frust, Wut und Unverständnis auf sich aufmerksam. Hinzu kommt die interessante Biographie der Autorin. Jarmysch arbeitet als Sprecherin für den Oppositionspolitiker Alexey Nawalny und wurde noch im Januar 2021 festgenommen. Dass der Roman sich nicht scheuen wird, Kritik zu üben, dass er nichts beschönigen wird und wahrscheinlich auch provozieren wird, lässt sich schon anhand des Titels und des Lebenslauf

Über Entwurzelung, Entfremdung und ein Leben zwischen den Kulturen

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Kim heißt eigentlich Kiều. Doch weil niemand in Deutschland ihren Namen richtig aussprechen kann, einschließlich sie selbst, hat sie ihren Namen ändern lassen. Sie will sich nicht fremd fühlen und hat sich schon immer eine Familie gewünscht, die so ist wie alle anderen, nämlich deutsch. Als sie jedoch von ihrem Onkel kontaktiert wird, der in Kalifornien lebt, fängt sie an, sich mit der Geschichte ihrer Familie auseinanderzusetzen. Sie begibt sich auf eine “Suche nach all denen, die vor mir kamen und ihre Spuren auf sichtbare und unsichtbare Weise auf dem Weg in die Gegenwart hinterlassen haben. Meine Eltern, meine Verwandten.” Khuê Phạm erzählt in Wo auch immer ihr seid eine Familiengeschichte, die Zeiten, Länder, Kulturen und Lebenswege umspannt. Sie bietet tiefe und faszinierende Einblicke in das Leben einer vietnamesischen Familie, die durch die Geschichte auseinandergerissen wurde.  Da ist zunächst Kiềus Vater Minh, der Saigon verlassen soll, um in Deutschland zu studieren. Aber e

Von Nähe und Distanz, von Enttäuschungen und Annäherungen

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Mike und Benson sind seit vier Jahren ein Paar. Doch in ihrer Beziehung hat sich ein Graben aufgetan. Sie reden kaum noch miteinander und leben aneinander vorbei. Nun ist Mikes Vater, der in Osaka lebt, schwer erkrankt und Mike entschließt sich dazu, in den letzten Lebenswochen des Vaters für ihn da zu sein. Seine Abreise bedeutet jedoch, dass er seine Mutter Mitsuko mit Benson alleine lässt.  Im Folgenden erzählt der Roman in drei Teilen vom Aufeinanderprallen von Kulturen und Generationen, von Verlust und Enttäuschungen, aber auch von Liebe, Annäherung und Verständnis.   Zunächst hatte ich, ehrlich gesagt, die Befürchtung, dass ich das Buch zu oberflächlich und zu seicht finden könnte. Dass sich dieser Eindruck manch einem Leser zu Beginn aufdrängen mag, liegt sicherlich an der einfachen Sprache, die das Geschehen in kurzen Sätzen und Dialogen wiedergibt.  Doch wenn man sich auf Washingtons Erzählstil einlässt, dann öffnet sich eine fiktive Welt, in der Beziehungsprobleme, Kommunik

Ein Stück Holz erzählt

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Habt ihr Lust auf eine Geschichte, die aus einer außergewöhnlichen Perspektive erzählt wird? Auf eine Geschichte, die Jahrhunderte umspannt? Dann sollte Johan De Booses Roman Das Fluchholz eure nächste Lektüre werden!  In De Booses Roman erlebt ein Stück Holz die Knotenpunkte der letzten 2000 Jahre der Menschheitsgeschichte. Beginnend als Olivenbaum in Palästina, in dessen Schatten Maryam und später ihr Sohn Jeschua sich regelmäßig niederlassen, muss der Baum schon bald tatenlos zusehen, wie er gefällt und sein Holz für das Kreuz, an das man Jeschua nageln wird, genutzt wird.  Im Folgenden wird ein Stück dieses Kreuzes ständig weitergereicht. Zunächst landet es bei den Römern, trifft auf Nero und wird in das Räderwerk einer Deus Ex Machina eingebaut. Später findet es sich in einem Kloster in Belgien wieder, wird von russischen Mönchen in ihre Heimat getragen und zur Ikone umfunktioniert. Auch nach Andalusien, in Darwins England, in den Vatikan, in die Zeit der Russischen Revolution, zu

Die Stimme eines nigerianischen Mädchens zwischen Armut, Ausbeutung und dem großen Wunsch nach Bildung

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Adunni ist vierzehn, als ihr Vater sie mit Morufu verheiraten will, einem viel älteren Mann, der vom Alter her ihr Vater oder sogar Großvater sein könnte und auch bereits vier Kinder hat. Dabei hatte Adunnis Mutter dem Vater kurz vor ihrem Tod das Versprechen abgerungen, die Tochter nicht zu verheiraten und dieser hatte es ihr geschworen. Doch die Armut ist groß und die Aussicht darauf, dass der zukünftige Ehemann der Tochter die Miete zahlen wird, ist für den Vater zu verlockend. Adunnis Traum, weiter zur Schule gehen zu dürfen, scheint immer unwahrscheinlicher.   “Und ich sehe zu, wie das Bild von der Schule, dass ich in meinem Herzen aufbewahr, in winzig kleine Scherben zerbricht.” Als die ranghöhere Ehefrau Morufus im Beisein Adunnis unerwartet stirbt, überschlagen sich die Ereignisse. Adunni hat Angst, dass man sie für den Tod verantwortlich machen wird und sie der Eifersucht bezichtigen wird. Sie muss fliehen, um am Leben bleiben zu können. Ihr Weg führt sie nach Lagos und in

Ein Tal und seine Menschen

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Der Hintergrund für Malachy Tallacks Roman ist ein Tal auf Shetland. Die Geschichte folgt mehreren Charakteren, die dieses Tal bewohnen. Da sind zunächst David und Marie, für die das Tal ihre Heimat ist und deren beide Töchter weggezogen sind. Maggie, die älteste Talbewohnerin stirbt gleich zu Beginn des Romans und hinterlässt eine Lücke im Leben der anderen. Alice ist hingegen eine junge Schriftstellerin, die nach dem Tod ihres Mannes in das Tal geflüchtet ist. Sie arbeitet an einem Buch über die Geschichte und die Natur des Tals. Terry wurde von seiner Frau verstoßen und fristet im Tal ein Leben als einsamer Alkoholiker. Dann ist da noch Sandy, der von Emma verlassen wurde und nun von David lernt, wie man seinen eigenen Bauernhof führt. Schließlich sind Ryan und Jo kürzlich aus der Stadt in das Tal gezogen, weil sie sich finanzielle Vorteile erhoffen. Für jeden dieser Charaktere bedeutet das Tal etwas anderes. Heimat, Neuanfang, Verlust und Profit prägen ihre Beziehung zu dem Ort, in

Eine Geschichte von Schuld, Aufarbeitung und den Verbrechen des Krieges

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Astrid und Franzi sind die Protagonisten der zwei Erzählstränge dieses Romans. Astrid arbeitet in der heutigen Zeit in einem Biologiezentrum und ist der Natur sehr verbunden. Franzi, ihr Großvater, lebt als Junge während der Zeit des Zweiten Weltkriegs auf einem Bauernhof. Sein Vater ist durch den Ersten Weltkrieg traumatisiert und sein Verhalten den Kindern gegenüber zeichnet sich durch Strenge aus. Die beiden Brüder müssen als Soldaten kämpfen und verlieren beide ihr Leben an der Front. Ihr Tod reißt die Familie in einen Abgrund, der durch das, was Franzis kleiner Schwester Elfi widerfährt, vertieft wird. Schuld, Trauma und Verlust lasten fortan auf Franzi. Doch die eigentliche Protagonistin des Romans ist wohl Elfi, die indirekt immer präsent ist, auch im Titel, weil sie Franzis Namen lange Zeit nicht richtig aussprechen kann. Es ist ihre Geschichte, die erzählt wird und die stellvertretend steht für das unbeschreibliche Grauen und für die Unmenschlichlichkeit, die den Zweiten Wel

Dora Maar: Legende der modernen Kunst und Geliebte Picassos

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Brigitte Benkemouns Ehemann kauft eine Lederhülle für sein Adressbuch bei Ebay, doch als Benkemoun die Hülle aufschlägt, ist diese nicht leer, sondern enthält bereits ein kleines, vollgeschriebenes Adressbuch mit den privaten Adressen der großen Künstler des Surralismus und der modernen Kunst. Von Cocteau, Chagall und Giacometti bis Signac und Braque finden sich auf zwanzig Seiten die Namen berühmter Dichter, Maler, Künstler und Persönlichkeiten der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts.   Doch wem dieses Adressbuch gehört haben könnte, bleibt zunächst ein Geheimnis. Benkemoun setzt sich in den Kopf, es herauszufinden, entziffert mühselig dieses “Who is Who der Nachkriegszeit” , ist sich bald sicher, dass die Besitzerin eine Frau gewesen sein muss und stößt schließlich auf den Eintrag “Architekt Ménerbes” . Ménerbes, ein Ort im Süden Frankreichs, war lange Zeit Wohnort von Dora Maar. Die Besitzerin des Adressbuchs ist damit gefunden.  Vergessene Künstlerin Ausgehend von den Namen

Eine Neuerzählung der amerikanischen Geschichte

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Hiram Walker wächst als Sohn einer Sklavin und eines Plantagenbesitzers auf. Als er noch ein Kind ist, wird seine Mutter verkauft und er arbeitet fortan auf den Plantagen des Vaters. Währenddessen lebt sein Halbbruder Maynard in Luxus und kann sich sicher sein, den Besitz des Vaters eines Tages zu erben. Doch Hiram ist wissbegierig und hat vor allem ein außergewöhnliches Gedächtnis, das schon bald die Aufmerksamkeit des Vaters erregt. So steigt Hiram auf und wird zum Diener des eigenen Bruders. Als die Brüder jedoch während einer Kutschfahrt verunglücken, stirbt Maynard und Hiram entdeckt in sich eine Fähigkeit, die so außergewöhnlich ist, dass sogar der Underground auf ihn aufmerksam wird.  Die Geschichte begleitet Hiram fortan auf seinem Weg in die Nordstaaten. Er muss Gefangenschaften und Qualen über sich ergehen lassen, doch die Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit gibt ihm den Willen, weiterzugehen.   Die Grauen der Sklaverei Ta-Nehisi Coates’ Roman erzählt auf eindrückliche

Bemerkenswert, ergreifend, intensiv: Douglas Stuarts Debütroman „Shuggie Bain”

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Douglas Stuart versetzt den Leser mit seinem Debütroman Shuggie Bain ins Glasgow der 80er Jahre. Vor dem Hintergrund der Thatcher-Regierung entfaltet sich die Geschichte einer Arbeiterfamilie. Durch die Augen des Protagonisten Shuggie betreten wir das Zuhause von Agnes, ihrem Mann Shug und den zwei älteren Geschwistern von Shuggie. Agnes hat ihren ersten Mann verlassen, um sich ein neues Leben mit dem Frauenheld Shug aufzubauen, der sie regelmäßig betrügt.  Als die Familie in eine Sozialsiedlung am äußersten Rande der Stadt zieht, verlässt Shug die Familie endgültig und Agnes verliert sich immer mehr in ihrer Alkoholsucht. Auch die ältere Schwester hat längst die Flucht ergriffen und so sind es nun nur noch Agnes, Shuggie und sein älterer Bruder Leek, die sich von Tag zu Tag und von Sozialhilfe zu Sozialhilfe kämpfen müssen. Sie wissen, “wie sich die scharfe Kante der Not anfühlte” .   Stuarts Roman ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, doch sein Protagonist ist sicherlich der Ha

Die Geschichte eines Viertels in den 60er Jahren

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Der neue Roman des zweifachen Pulitzerpreisträgers Colson Whitehead spielt in Harlem in den Sechzigerjahren. Der Protagonist Ray Carney ist im Möbelankauf und -verkauf tätig. Sein Weg zum eigenen Geschäft war steinig. Er musste sich hochkämpfen und eine Kindheit hinter sich lassen, die vom Alkoholismus und der Abwesenheit seiner Eltern geprägt war. Nun ist er selbst Vater einer Tochter und erwartet mit seiner Frau ein weiteres Kind. Er träumt davon, seiner Familie ein noch besseres Leben bieten zu können, insbesondere eine schönere Wohnung.   Als Ray durch seinen Cousin Freddie in einen Raubüberfall auf ein Hotel verstrickt wird, bekommt Rays so mühselig aufgebaute Fassade Risse und er rutscht immer tiefer in die kriminelle Welt Harlems hinein, in der Drogen, Gangs, korrupte Polizisten, Schutzgelder, Drohungen und Rache an der Tagesordnung sind.  Gesellschaftliche Strukturen  Vor dem Hintergrund der Rassenunruhen entfaltet Whitehead eine Geschichte, die Soziographie und Zeitgeschic